Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Am 29. März 1945 befahl der Kommandant des Stalags IX A Ziegenhain dessen Räumung und floh selbst vor den heranrückenden Alliierten. Einen Tag später befreiten amerikanische Soldaten die noch etwa 4.500 im Lager zurückgebliebenen Gefangenen. Es waren vor allem Landsleute, die sich der Evakuierung widersetzt hatten.
In den folgenden zwei Monaten wurde das Gelände genutzt, um ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen und KZ-Insassen unterzubringen, ärztlich zu versorgen und zu pflegen sowie die Rückreise in ihre Heimatländer zu organisieren.
Anschließend richtete die amerikanische Besatzungsverwaltung dort das „Civil Internment Camp Nr. 95“ ein, ein Internierungslager für Wehrmachtsangehörige, SS und NSDAP-Mitglieder, darunter auch Frauen. Sie sollten überprüft und gegebenenfalls vor Gericht gestellt werden. Die zeitweise mehr als 6.000 Gefangenen organisierten das Lagerleben in Selbstverwaltung: Sie führten Krankenbaracken, Werkstätten, die Post, ein Theater – sogar eine Lagerzeitung wurde produziert. Die sollte informieren und unterhalten, aber auch die Demokratisierung fördern. So wurde beispielsweise ausführlich über den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg berichtet.

Im Sommer 1946 wurde das Internierungslager aufgelöst. Doch das Gelände wurde als Lager weiter genutzt: Von 1946 bis 1947 zunächst als „Displaced Persons Camp“, also zur Unterbringung von Menschen aus verschiedensten Ländern, die deutsche Konzentrationslager und Zwangsarbeit überlebt hatten und nun zunächst heimatlos waren. In Ziegenhain waren das vor allem polnische Jüdinnen und Juden, die nicht zurück nach Hause, sondern zumeist in die USA, nach Großbritannien oder Palästina emigrieren wollten. Danach diente das Gelände zur Unterbringung von deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen. Diese gründeten 1951 hier die Gemeinde Trutzhain – und viele von ihnen blieben, und zwar in der ehemaligen Lager-Bebauung: 37 Fachwerkbaracken des vormaligen Stalags werden bis heute vor allem als Wohnhäuser genutzt.

Der Eingang zur Gedenkstätte © Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Spätes Erinnern

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes verlief zunächst zögerlich: Erst 1983 entstand ein „Museum für den Frieden“, das aber insgesamt wenig Informationen über die Lagergeschichte und die verschiedenen Opfergruppen bereit hielt. Ende der 1990er Jahre entschied sich die Stadt für eine grundsätzliche Überarbeitung der Ausstellung und die Einrichtung einer Gedenkstätte, die 2003 im ehemaligen Wachlokal eröffnet werden konnte. Seit 2005 gibt es zudem einen historischen Lehrpfad, auf dem man die verschiedenen Funktionen und Nutzungen der noch vorhandenen Gebäude nachvollziehen kann. Die Informationen kann man heute auch mit dem Smartphone und QR-Codes abrufen.

Ausstellungsraum © Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Zum Stalag gehörten zwei Friedhöfe: Auf dem einen wurden ab 1939 die Verstorbenen vor allem der westlichen Nationalitäten beerdigt, auf dem anderen ab 1941 die sowjetischen Kriegsgefangenen, später auch die italienischen Militärinternierten sowie serbische Soldaten. Nach dem Krieg wurden die Toten des ersten Friedhofs nach und nach exhumiert und umgebettet. Dort befindet sich heute der Gemeindefriedhof von Trutzhain. Auf dem sogenannten Waldfriedhof mit den Gräbern der Rotarmisten wurden zwischen 1945 und 1949 weitere Tote beerdigt. Seit 1998 wird nach den Namen der sowjetischen und serbischen Toten recherchiert, 692 sind bis heute bekannt. Ein Teil dieser Namen ist bereits auf Bronzetafeln auf dem umgestalteten Friedhof festgehalten, die fehlenden werden in den nächsten Jahren folgen.


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