Antonina Konjakina-Trofimowa

Widerständlerin im „Hannoveraner Komitee“

  • 14. März 1914 geboren in Prischib (heute Leninsk) bei Zarizyn (heute Wolgograd, Russland)

  • 1929 arbeitet als Maurerin und Schlosserin in Stalingrad (ehemals Zarizyn, heute Wolgograd)

  • 1930 Abitur an der Abendschule

  • 1934 Zahnarztschule in Stalingrad

  • 1937 Zahnärztin im Metallwerk „Roter Oktober“ in Stalingrad

  • Juni 1941 Einberufung zur Roten Armee

  • Okt 1941 Gefangennahme bei Wjasma, Gefängnis in Minsk, Transport ins Stalag XI D (321) Oerbke, Typhuserkrankung

  • Dez 1941 Überführung in das Lazarett des Stalag XI C (311) Bergen Belsen

  • Feb 1942 arbeitet im Verbandsraum des Lazaretts, Mitglied einer Widerstandsgruppe

  • Sep 1943 Zwangsarbeit als Putzfrau beim Betriebsarzt einer Rüstungsfabrik in Unterlüß

  • April 1945 Befreiung, Überführung in die sowjetische Besatzungszone

  • 1945 Filtrationslager und Rückkehr in die Sowjetunion

  • 1946 Landärztin in der Nähe von Moskau

  • 1957 Zahnärztin in Stalingrad (heute Wolgograd)

  • 1961 Invaliden-Rente, seitdem engagiert im Kriegsveteranenverband

  • 8. Nov 2004 gestorben in Wolgograd

Lebensstationen

Moskau *Leninsk Wolgograd Wjasma Oerbke Bergen-Belsen Unterlüß Minsk

Antonina Konjakina wird 1914 in der Nähe von Zarizyn geboren. Und sie erlebt alle wichtigen Phasen der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hautnah mit: Bei ihrer Geburt regiert noch Zar Nikolaus II., Russland ist ein Kaiserreich. Im August bricht der Erste Weltkrieg aus. Antoninas Vater ist Kaufmann und Fabrikant, der Familie geht es finanziell gut, auch in der Kriegszeit. Doch 1917 kommen mit der Oktoberrevolution die Kommunisten unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin an die Macht. Die Reichen sollen enteignet werden und alle gleich viel besitzen.
Antoninas Vater gibt freiwillig seinen Besitz ab, wird aber trotzdem als Feind behandelt. Von da an muss die Familie kämpfen, um nicht zu verhungern. Antonina arbeitet als Sechzehnjährige auf dem Bau, um Geld zu verdienen. 1934, mit zwanzig, kann sie ein Studium an der neuen Zahnarztschule in Stalingrad beginnen.

Zarizyn – Stalingrad – Wolgograd

Stalingrad – so heißt Zarizyn mittlerweile. Die Stadt ändert im vergangenen Jahrhundert dreimal ihren Namen: 1925 wird sie zu Ehren Josef Stalins, der während des Bürgerkriegs nach der Oktoberrevolution dort als Armeekommissar stationiert war, in Stalingrad (Grad bedeutet Stadt) umbenannt. Nach Stalins Tod distanziert sich seine Partei, die staatsführende KPdSU, schrittweise von seiner Politik, und in diesem Zusammenhang wird 1961 aus Stalingrad Wolgograd (Stadt an der Wolga). Bis heute gibt es jedoch Initiativen, die sich dafür einsetzen, wieder „Stalingrad“ zu verwenden. Vor allem für das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ist dieser Name höchst symbolträchtig: In einer verlustreichen Schlacht, die vom Sommer 1942 bis zum Februar 1943 dauerte, gewann die Rote Armee schließlich in Stalingrad gegen die deutsche Wehrmacht. Diese erste große Niederlage von Hitlers Armee läutete den Anfang vom Ende des Siegeszugs der Deutschen ein. Und Stalingrad wurde zur „Heldenstadt“ ernannt.

Antonina Konjakina (rechts) mit Freundinnen 1937 in Stalingrad © Privatbesitz Ljudmila Poljakowa

Während des Studiums heiratet Antonina, behält aber ihren Mädchennamen bei. 1937 macht sie ihren Abschluss in Zahnmedizin und arbeitet danach als Betriebszahnärztin im Stahlwerk „Roter Oktober“. Als der Krieg ausbricht, werden Ärzte in der Sanitätskolonne gebraucht und auch Antonina wird eingezogen. Schon im Oktober gerät sie bei Wjasma in deutsche Gefangenschaft.
Zusammen mit anderen Frauen sperrt die Wehrmacht sie in ein Minsker Gefängnis. Von dort wird sie nach Deutschland gebracht, zunächst ins Stalag XI D (321) Oerbke. Die junge Ärztin erkrankt dort an Typhus, deshalb wird sie ins Lazarett des nahe gelegenen Stalag XI C (311) Bergen Belsen verlegt, wohin alle kranken Kriegsgefangenen des Wehrkreises XI gebracht werden.

Etwa zwei Monate liegt Antonina Konjakina als Patientin im Lazarett in Bergen-Belsen. Als es ihr besser geht, schickt die Wehrmacht sie nicht zurück nach Oerbke oder in ein Arbeitskommando: Weil sie eine medizinische Ausbildung hat, soll sie bleiben und das Sanitätspersonal im Verbandsraum unterstützen.
Was das Wachpersonal nicht gemerkt hat: Hier hat sich eine Widerstandsorganisation aus sowjetischen Kriegsgefangenen gebildet, die sich „Hannoveraner Komitee“ nennt. Antonina schließt sich ihr an und übernimmt eine wichtige Aufgabe: Wenn sie Verbände bei Menschen macht, die aus dem Lazarett entlassen werden sollen, bindet sie Nachrichten oder Flugblätter in die Mullbinden mit ein – so kann die Gruppe Informationen an andere Stalags und Arbeitskommandos weiterleiten.

Widerstand im „Hannoveraner Komitee“

Die Widerständler haben sich ein „Grundsatzprogramm“ geschrieben: Sie wollen sich gegenseitig helfen, ihre Würde zu bewahren, außerdem den sowjetischen Sozialismus propagieren, Fluchten und Nahrungsmittel organisieren, Sabotageaktionen durchführen und Kameraden vor dem Eintritt in die Wlassow-Armee abhalten.
Die Gruppe sammelt Informationen über den Kriegsverlauf. Nach dem Sieg über die Deutschen bei Stalingrad wird ein Flugblatt verfasst, dass vom Lazarett aus im ganzen Wehrkreis weiter verbreitet wird: Die Hoffnung auf eine Wende im Krieg soll die Gefangenen moralisch stärken! Diese Flugblätter müssen anfangs per Hand abgeschrieben werden, später kann die Gruppe sogar heimlich eine provisorische Druckerei aufbauen.
Zu den Widerständlern in Bergen-Belsen gehört auch der Arzt Georgij Trofimow, den Antonina nach dem Krieg heiratet – ihr erster Ehemann ist bei der Schlacht um Stalingrad gefallen.

Diese Stickerei (Maße: 85,5 x 48 cm) hängt heute in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Antonina Konjakina hat sie vermutlich Ende 1942 selbst gemacht und über ihren Schlafplatz gehängt: Die Katze sollte sie vor Mäusen schützen. In der Nachkriegszeit hing sie einige Jahre über dem Bett ihrer Tochter. © Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

Ende 1943 wird Antonina Konjakina offiziell aus der Kriegsgefangenschaft entlassen – das geschieht vor allem bei weiblichen Gefangenen häufig. Die Frauen werden allerdings nicht frei gelassen, sondern müssen anschließend als zivile „Ostarbeiterinnen“ Zwangsarbeit leisten. Antonina schickt das zuständige Arbeitsamt Celle als Putzfrau zum Betriebsarzt der Rüstungsfabrik Rheinmetall-Borsig nach Unterlüß. Dort wird sie im April 1945 von britischen Truppen befreit.

Rückkehr und Erinnerungsarbeit

Die Briten überführen Antonina Konjakina in die sowjetische Besatzungszone, von dort geht es zurück in die Sowjetunion. Wie alle Kriegsgefangenen muss sie sich in einem Filtrationslager zu ihrem Verhalten in Deutschland befragen lassen: Hat sie mit dem Feind kollaboriert? Das Misstrauen geht so weit, dass nicht einmal die Widerstandstätigkeit gewürdigt und ihr und den anderen positiv angerechnet wird.
Sie zieht mit ihrem zweiten Mann, mit dem sie 1946 eine Tochter bekommt, in die Nähe von Moskau, wo sie gemeinsam eine Landarztparxis eröffnen. 1957 kehrt sie mit der Familie nach Stalingrad zurück. Doch die Jahre in Gefangenschaft haben Spuren hinterlassen: Antonina bekommt Tuberkulose und hat ein schwaches Herz. 1961 geht sie aus gesundheitlichen Gründen verfrüht in Rente. Im gleichen Jahr wird Stalingrad in Wolgograd umbenannt.

Nach Stalins Tod ändert sich der Umgang mit den ehemaligen Kriegsgefangenen langsam. Antonina Konjakina-Trofimova engagiert sich im Kriegsveteranen-Komitee und endlich kann auch die Geschichte des Widerstands gegen die Deutschen öffentlich erzählt werden. Sie und ihr Mann treten häufig vor Schulklassen auf, um über den Krieg, die Gefangenschaft und den Widerstand in Bergen Belsen zu sprechen. Ihre Geschichte ist heute Teil der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Antonina Konjakina-Trofimowa stirbt 2004 in Wolgograd.

Ehrenurkunde des Kriegsveteranen-Komitees für ihr öffentliches Engagement, überreicht am Internationalen Weltfrauentag 1966 © Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

Wie wird in Wolgograd an den Krieg erinnert?

Die große und verlustreiche Schlacht bei Stalingrad, wie Wolgograd damals hieß, ist in die Geschichtsbücher eingegangen: Nach ersten Erfolgen wurde die 6. Armee der Wehrmacht im November 1942 von der Roten Armee eingekesselt. Hitler verbot General Paulus, den Rückzug auch nur zu versuchen oder sich zu ergeben. Die deutschen Soldaten waren für den Winter aber schlecht ausgestattet und hungerten bald, 150.000 starben in den folgenden Wochen. In dieser ausweglosen Situation kapitulierte Paulus, der noch zum Feldmarschall befördert worden war, am 31. Januar 1943, entgegen dem Durchhaltebefehl von Hitler. Rund 91.000 deutsche Soldaten gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, nur etwa 6.000 überlebten.
Sieg und Niederlage hatten in beiden Gesellschaften große Auswirkungen auf die Stimmung bezüglich der Erfolgschancen in diesem Krieg.
1967 wurde in Wolgograd in Erinnerung an diese Schlacht die berühmte Statue „Mutter Heimat“ aufgestellt.


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