Lew Glebowitsch Mischtschenko

„Ein Deutscher, der neben mir stand, wartete, bis der Soldat wegsah und steckte mir dann eine Zigarette zu.“

  • 21. Jan 1917 geboren in Moskau (Russland)

  • 1919 Umzug nach Berjosow (Gouvernement Tobolsk) wegen der Arbeit des Vaters

  • 1921 die Eltern werden im Bürgerkrieg als Geiseln von der Roten Armee erschossen

  • 1922 Rückkehr nach Moskau zur Großmutter

  • 1924 Besuch der Mittelschule

  • 1935 Studium der Physik an der Staatlichen Universität Moskau

  • 3. Juli 1941 Unterleutnant bei der Moskauer Volkswehr

  • Juli 1941 Versorgungsleiter beim Nachrichtenbataillon der 8. Division Krasnaja Presnja

  • Okt 1941 Gefangennahme bei Wjasma, Dulag 126 bei Smolensk

  • Dez 1941 widersteht einem Anwerbungsversuch der Deutschen in einem Lager bei Katyn

  • Feb 1942 Transport nach Deutschland: im Quarantäneblock für Offiziere im Stalag III B Fürstenberg

  • Frühjahr 1942 ein Monat im Propaganda-Ausbildungslager in Berlin-Wuhlheide

  • Mai 1942 Stalag IV G Oschatz, Dolmetscher bei verschiedenen Arbeitskommandos in der Region um Leipzig

  • Herbst 1942 Arbeitslager der Waagenfabrik Kopp & Haberland in Oschatz

  • Mai 1943 Anwerbungsversuch für die Wlassow-Armee, abgelehnt

  • 22. Juni 1943 Fluchtversuch

  • Juni/Juli 1943 Gefängnisse in Görlitz und Bautzen, Straflager Mühlberg

  • Juli 1943 Strafarbeitskommando für Offiziere in der Pittler Werkzeugfabrik in Leipzig

  • Juni 1944 ein Monat Haft im Polizeigefängnis Leipzig

  • Juli 1944 Transport ins KZ Buchenwald, Zwangsarbeit im Außenlager Wansleben

  • April 1945 Flucht vom Todesmarsch

  • Juni 1945 Rückführung von der amerikanischen in die sowjetische Zone, Verhaftung durch die SMERSch und Anklage

  • Dez 1945 Transport nach Petschora, Republik Komi: 10 Jahre Arbeitsstraflager (Petschorlag) wegen Vaterlandsverrat

  • 17. Juli 1954 vorzeitige Entlassung

  • 1955 Rückkehr nach Moskau, Heirat, arbeitet als Physikingenieur

  • 1958 Promotion in Kernphysik

  • 29. Jan 2006 Lebensgeschichtliches Interview mit Memorial International

Lebensstationen

Berjosow Wjasma Petschora Smolensk Katyn Fürstenberg Leipzig Buchen- wald Oschatz Mühlberg Berlin * Moskau

Mit 4 Jahren ein Waisenkind

Lew Mischtschenko wird 1917 in Moskau geboren. Sein Vater ist Eisenbahningenieur und bekommt eine Stelle im westsibirischen Berjosow. Der kleine Lew und seine Mutter, die dort als Lehrerin arbeitet, ziehen ihm nach. Als während des Bürgerkriegs die Rote und die Weiße Armee gegeneinander kämpfen, werden die Eltern 1921 von den „Roten“ als Geiseln genommen und erschossen. Lew ist vier Jahre alt.
Zusammen mit seiner Großmutter zieht er zurück nach Moskau. Er besucht die Schule in der Nähe der Bolschaja Nikitskaja-Straße. Anschließend studiert er Physik. In diese Zeit fällt der „Große Terror“. Stalin hat von Beginn seiner Regierungszeit an Oppositionelle verfolgt, aber Mitte der 1930er Jahre erreichen diese „Säuberungen“ einen grausamen Höhepunkt. Die Menschen leben in Angst, weil jede*r jederzeit wegen irgendeines tatsächlichen oder unterstellten Fehlverhaltens verhaftet und in ein GULAG-Arbeitslager oder zum Tod verurteilt werden kann. Diese Atmosphäre erlebt Lew auch an der Universität.

Studienabschluss und Kriegsbeginn

Für die Kriegsteilnahme wird in der Sowjetunion massiv Werbung gemacht. Berühmt geworden ist dieses Plakatmotiv: „Mutter Heimat ruft!“ von Irakli Toidse, hier auf einer Briefmarke von 1965. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Lews Studienabschluss fällt fast auf den Tag genau mit dem Kriegsbeginn zusammen. Alle Pläne müssen vorerst verschoben werden: Er meldet sich freiwillig und wird als Unterleutnant der Infanterie zum Versorgungsleiter eines Nachrichtenbatallions ernannt, das bei Wjasma aufgebaut werden soll. Die kommenden Tage und Wochen sind chaotisch, es gibt keine funktionierende Funkverbindung zwischen den verschiedenen Einheiten. Der Vormarsch der Deutschen ist nicht aufzuhalten. Im Oktober gerät Lew Mischtschenko in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenen werden in ein Durchgangslager bei Smolensk gebracht, ins Dulag 126. Hier bleibt er vier Monate. Die Lebensbedingungen sind furchtbar: Kaum etwas zu Essen, kein richtiger Platz zum Schlafen, keine Möglichkeit, sich zu waschen.
Zwischendurch versuchen die Deutschen, ihn als Spion anzuwerben – weil er Deutsch kann, ist er für sie besonders interessant. Dafür bringen sie ihn in ein Lager bei Katyn und versprechen eine bessere Versorgung, wenn er sich in ihre Dienste stellt. Aber Lew lehnt ab – und wird zurück nach Smolensk geschickt. Eine Szene aus dieser Zeit bleibt ihm ein Leben lang unvergessen. Er schreibt in seinen „Erinnerungen für die Enkel“ im Jahr 2001:

„Eines Nachts ging ich zum Abort im Korridor. Neben unserer Tür saß auf einem Balken vor dem Ofen ein junger korpulenter Mann mit Brille. Im Licht des Feuers betrachtete er ein etwa postkartengroßes Foto und weinte. Ich dachte: Wahrscheinlich die Frau. Und wollte auf dem Rückweg möglichst schnell wieder zur Tür reinschlüpfen. Aber der junge Mann hielt mich an: ‚Sehen Sie nur, was für ein Mensch! Und was für ein schreckliches Schicksal wurde ihm zuteil!‘ Es war sein eigenes Foto. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.“

Durchgangslager bei Smolensk im August 1941. © Bundesarchiv, Bild 183-L28726, Fotograf: Markwardt

Im Februar 1942 kommt er mit anderen Kriegsgefangenen auf einen Transport nach Deutschland. Seine erste Station ist das Stalag III B in Fürstenberg. Von dort wird er in ein Ausbildungslager in Berlin-Wuhlheide gebracht, wo die Wehrmacht mit anti-sowjetischer Propaganda Überläufer sucht. Lew Mischtschenko weigert sich auch diesmal. Man bringt ihn ins Stalag IV G Oschatz. Dort wird er einem Arbeitskommando zugeteilt: Er kommt als Dreher und Schlosser in die Waagenfabrik Kopp & Haberland, die zu dieser Zeit auch für die Rüstung produziert. Die Arbeitsbedingungen sind hier nicht so schlecht wie anderswo. Es gibt auch Kriegsgefangene anderer Nationalitäten, mit denen man sich austauschen kann, die Behandlung durch die Vorgesetzten ist nicht unfreundlich. Manchmal bekommt Lew von einem deutschen Kollegen und einer jungen Frau aus der Verwaltung sogar Brot geschenkt.
Immer wieder wird er als Übersetzer herangezogen. Eines Tages bringt ihn ein Wehrmachtsoldat mit Namen Eduard nach Leipzig, er soll dort bei verschiedenen Arbeitskommandos (darunter auch beim Rüstungskonzern HASAG) dolmetschen. Als dieser Soldat sieht, wie Lew untergebracht werden soll – in einem Lager mit anderen sowjetischen Kriegsgefangenen unter sehr schlechten Bedingungen – hat er eine Idee…

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Lew Mischtschenko über Eduard, einen freundlichen deutschen Soldaten

Lew Mischtschenko sprach insgesamt mehr als sechs Stunden über sein Leben © Memorial Intenational Moskau (2006)

Deutsche Feinde und Freunde

Durch Eduard lernt er einen weiteren Deutschen kennen, der keine Vorurteile gegenüber Sowjetbürgern hegt: Erich Rödel. Zu ihm und seiner Familie hält Lew sogar nach dem Krieg weiter Kontakt.
Im Mai 1943 will die Wehrmacht ihn für die Wlassow-Armee gewinnen. Der dritte Versuch, ihn auf die gegnerische Seite zu ziehen. Lew Mischtschenko widersteht auch diesmal. Tatsächlich ist er gerade damit beschäftigt, zusammen mit anderen seine Flucht aus dem Lager minutiös zu planen! Am 22. Juni 1943 ist es soweit, sie fliehen – werden aber bei Görlitz wieder aufgegriffen. Lew bekommt fünf Tage verschärften Arrest und muss dann in den Leipziger Pittler Werken, wo Werkzeugmaschinen hergestellt werden, Zwangsarbeit leisten. Aber auch hier trifft er auf freundliche Menschen: Mitgefangene und deutsche Vorgesetzte.
Weil man sie der Sabotage verdächtigt, werden er und 26 andere Kriegsgefangene Anfang Juli 1944 verhaftet und ins Leipziger Gefängnis gesperrt. Eineinhalb Monate sitzt er hier, dann übergibt ihn die Staatsanwaltschaft Leipzig auf Befehl der Gestapo dem KZ Buchenwald. Von diesem „Verwaltungsvorgang“ sind Unterlagen erhalten, die zeigen, dass Lew zu diesem Zeitpunkt seinen Status als Kriegsgefangener verliert. Sie verraten außerdem, was er besaß: ein Taschenmesser und ein Feuerzeug. Er wird als „Politischer“ Häftling und „Russe“ mit der Nummer 64109 / R registriert und erhält die gestreifte Häftlingsuniform.

Im KZ Buchenwald selbst bleibt Lew Mischtschenko nur wenige Wochen, dann wird er zur Zwangsarbeit ins Außenlager Wansleben geschickt. Er muss dort für die Maschinenfabrik Mansfeld arbeiten. Die Produktion befindet sich unterirdisch in einem Bergwerk.
Als die Alliierten immer näher kommen, werden die Häftlinge auf einen Todesmarsch zurück nach Buchenwald geschickt. Lew Mischtschenko gelingt die Flucht. Er trifft auf amerikanische Soldaten und ist frei!

Lew Mischtschenko und zwei weitere Männer in Häftlingskleidung, 1945
Lew Mischtschenko (links) und zwei Mithäftlinge nach der Befreiung, noch in gestreifter Häftlingskleidung (1945). © Memorial International Moskau

Erneute Haft

Er wird in die sowjetische Besatzungszone überführt und dort sofort vom militärischen Geheimdienst SMERSch verhaftet. Ihm wird Spionage vorgeworfen. Weil es keine Beweise gibt, wird er gefoltert und gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben. Dann wird er nach Artikel 58-1b (Vaterlandsverrat) zum Tod durch Erschießen verurteilt. Kurz darauf wird das Urteil abgemildert zu zehn Jahren GULAG-Arbeitsstraflager. Ende Dezember 1945 werden er und andere Verurteilte, darunter auch deutsche Kriegsgefangene, in Frankfurt an der Oder in einen Güterzug gesteckt. Sie reisen zwei Monate lang bis nach Petschora in der Republik Komi. Da die meisten bereits im Sommer verhaftet wurden, haben sie keine ausreichend warmen Kleider, die Heizöfen funktionieren nicht oder nur schlecht. Viele sterben schon auf der Fahrt. Dort angekommen, muss Lew Mischtschenko im Holzkombinat arbeiten.
Über seine Erlebnisse hat Lew Mischtschenko 2005 ein Buch geschrieben. Hierin heißt es über die Ankunft in Petschora:

Lagerhaft im Arbeitsstraflager Petschora (Audio)

Ausschnitt aus Lew Mischtschenkos Buch „Poka ja pomnju“ (Solange ich mich erinnere), Moskau 2006

1953 stirbt Stalin. Nach und nach werden Urteile aus seiner Amtzeit abgemildert. Auch Lew Mischtschenko wird ein Jahr später vorzeitig entlassen. Aber der Makel der Kriegsgefangenschaft bleibt: Obwohl er Physiker ist und im Arbeitslager weitere handwerkliche Berufe gelernt hat, findet er zunächst keine Arbeit. Nur durch einen glücklichen Zufall bekommt er über einen Bekannten schließlich eine Stelle als Physikingenieur im Konstruktionsbüro des Betriebs „Fispribor“ in Moskau.

Als Rentner beschäftigt sich Lew Mischtschenko noch einmal intensiv mit seinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs und den Jahren danach. Er schreibt seine Erinnerungen auf, das Buch kann man auf Russisch vollständig im Internet lesen. Und er gibt 2006 der Menschenrechtsorganisation Memorial ein langes Interview. Danach überlässt er den Mitarbeiter*innen eine Kiste mit Erinnerungsstücken, darunter etwa 2.000 Briefe, die er sich mit seiner Frau während der Jahre im GULAG geschrieben hat. Daraus macht der Historiker und Autor Orlando Figes 2012 einen Roman, der auf Englisch, Deutsch und Russisch erscheint…

Cover der deutschen Ausgabe von 2012 aus dem Hanser Literaturverlag

Wie wird in Moskau an den Krieg erinnert?

Schon während des Krieges begannen in Moskau erste Planungen für einen Erinnerungsort zu Ehren der tapferen und siegreichen Sowjetbürger*innen. Das bereits seit 1919 bestehende heutige „Zentralmuseum der russischen Streitkräfte“ wurde um eine Ausstellung zum Großen Vaterländischen Krieg erweitert, außerdem entstanden verschiedene Denkmäler im Stadtgebiet.
1986 wurde von der Regierung beschlossen, dass im „Park des Sieges“, der 1961 eigentlich zu Ehren des Sieges über Napoleon angelegt worden war, zusätzlich ein Museums des Großen Vaterländischen Krieges entstehen soll. Trotz der folgenden Jahre des Umbruchs konnte am 9. Mai 1995, dem 50. Jahrestag des Kriegsendes, dieses Museum feierlich eröffnet werden.
In der „Halle der Namen“ werden Gedenkbücher mit den Namen von über 26 Millionen Toten aus der Sowjetunion aufbewahrt. In einer Kuppelhalle, in der Militärmusik aus Lautsprechern kommt, wird der Soldat*innen gedacht. Und in zwölf mit Dioramen gestalteten Räumen wird an die „Heldenstädte“ der Sowjetunion erinnert.
Vor dem Gebäude steht ein über 140 Meter hoher Obelisk als Symbol des Sieges.


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