Dawid Isaakowitsch Dodin

„Als sie uns auf diese Wiese gebracht haben, da gabs dort Gras, und wir haben dieses Gras ausgerissen und unter unsere Feldblusen gesteckt, damit es uns etwas wärmer wurde, und bald war dort nur nackte Erde.“

  • 1921 geboren in Wereschtschaki, Gebiet Mogiljow (Belarus)

  • 1927 besucht jüdische Schulen, lernt Russisch, Belarussisch, Jiddisch und Deutsch

  • 1930 Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation Pioniere

  • 1934 Ausbildung an der Jüdischen Pädagogischen Lehrerbildungsanstalt in Witebsk

  • 1938 Grundschullehrer in der Nähe von Gomel

  • 1939 Deutschlehrer an der Mittelschule in Wereschtschaki

  • Feb 1940 Einberufung in die Rote Armee, 35. Pontonregiment an der sowjetisch-polnischen Grenze

  • Juli 1941 Gefangennahme bei Minsk, 10 Tage Gefangenschaft im Stalag 352

  • Transport ins Stalag 324 Ostrów Mazowiecka in Polen

  • Aug 1941 Transport nach Deutschland ins Stalag 304 in Zeithain, Arbeit im Lazarett als Schreiber und Arzthelfer, Mitglied einer Widerstandsgruppe

  • Okt 1941 Alle jüdischen Bewohner Wereschtschakis werden von den Deutschen ermordet, auch Dodins gesamte Familie

  • April 1944 Mitglieder der Widerstandsgruppe werden verhaftet, Dodin wird ins Stalag IV B nach Mühlberg gebracht, Zwangsarbeit in einer Schäferei im Dorf Canitz bei Riesa

  • April 1945 Befreiung durch die Rote Armee, arbeitet an einem Kontrollpunkt zur Registrierung der Kriegsgefangenen

  • 1946 Rückkehr nach Belarus, Arbeit als Lehrer

  • Mai 1947 Verhaftung und Anklage wegen Landesverrats, wird in Moskau zu 10 Jahren Haft verurteilt

  • 1947 Deportation ins Lager Nr. 1 in Inta (Autonome Republik Komi), Zwangsarbeit im Bergwerk

  • 1954 Vorzeitige Entlassung aus der Haft, bleibt in Inta, Arbeit im Bergwerk und Heirat

  • 1956 Amnestie

  • 1977 Umzug nach Leningrad (heute St. Petersburg), zweite Ehe

  • 1998 Zeitzeugeninterview der Shoah Foundation

  • 2007 „Freitagsbriefe“ an den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI

Lebensstationen

Moskau Inta St. Petersburg * Weraschtschaki Minsk Ostrów Mazowiecka Witebsk Zeithain Canitz

Deutschlehrer aus jüdischer Familie

Dawid Dodin ist Belarusse (oder: Weißrusse). Er stammt aus einer armen jüdischen Familie. Sein Vater ist Bauer in einem kleinen, mehrheitlich von Juden bewohnten Dorf – in der Stadt dürfen Juden zu dieser Zeit nicht wohnen. Dawid hat vier Geschwister, zu Hause wird Jiddisch gesprochen, eine traditionelle jüdische Sprache. Mit sechs Jahren besucht er eine jüdische Schule, Cheder genannt, später auch eine weiterführende jüdische Schule. Dort lernt er neben Russisch und Weißrussisch auch die deutsche Sprache. Dawid macht nach dem achten Schuljahr eine Lehrerausbildung und wird zunächst Grundschullehrer, dann Deutschlehrer an einer Mittelschule in seinem Heimatort Wereschtschaki.

1940 wird er in die Armee einberufen und an der sowjetisch-polnischen Grenze stationiert. Beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird das 35. Regiment, dem Dawid Dodin angehört, bombardiert. Die Rotarmisten erhalten den Befehl, sich nach Osten zurückzuziehen. Bei Minsk werden die etwa 200 Mann eingekesselt und von den Deutschen gefangen genommen. Dawid Dodin ist der einzige Jude. Seine Kameraden versprechen ihm, ihn nicht zu verraten – ohne genaueres zu wissen ist allen klar, dass man als Jude besonders gefährdet ist. Sie werden in das Waldlager des Stalag 352 in der Nähe des Dorfes Masjukowschtschina gebracht. Dort verbringen sie 10 Tage. Die Gefangenen erhalten fast nichts zu essen, viele sterben.
Dawid Dodin gibt statt seines jüdischen Vatersnamen Isaakowitsch den russischen Namen Iwanowitsch an. Und das funktioniert: Er wird als Belarusse registriert.

Dawid muss eine Tafel mit seiner Häftlingsnummer vor sich halten, während er für die Personalkarte fotografiert wird. © Regionalarchiv Mogilow, Belarus, Signatur: 722518

Im Stalag 304 Zeithain

Nach zehn Tagen werden die Gefangenen ins Stalag 324 Ostrów Mazowiecka in Polen überführt. Dort müssen sie bei Bauern Zwangsarbeit leisten und bekommen Schweinefutter als Essen vorgesetzt, erzählt Dawid später. Anfang August kommt er mit einem weiteren Transport von Kriegsgefangenen nach Deutschland. Das Stalag 304 IV H in Zeithain bei Riesa in Sachsen befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau. Die neuen Häftlinge dürfen nur ins „Vorlager“, eine Wiese ohne jegliche Bebauung. Sie sind Regen und Frost schutzlos ausgeliefert, reißen in ihrer Not Gras aus, um die Kleidung damit zu polstern. Nach kurzer Zeit ist die Wiese kahl. Alle haben Läuse. Dawid Dodin bekommt eine Lungenentzündung.
Dann kommen ihm seine Sprachkenntnisse zugute: Es werden ein Schreiber und ein Dolmetscher gesucht. Dawid meldet sich. Er soll die Patientenakten der Kriegsgefangenen führen. Er bekommt nun richtige Suppe zu essen und wird in der Krankenbaracke behandelt.

Es gab keine Baracken, nichts. Wir lebten also unter freiem Himmel, es war schon Herbst, nachts erste Fröste, es war kalt und Regen ohne Ende.

Dawid Dodin in seinem Zeitzeugeninterview über die Ankunft im Stalag 304 in Zeithain
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Dawid Dodin über die Ankunft im Stalag 304

In seinem Zeitzeugeninterview für die amerikanische Shoah Foundation erzählt Dawid Dodin ausführlich von seiner Haft in Deutschland. © Dodin, Dawid. Interview 41093, Teil 2, Visual History Archive, USC Shoah Foundation (1998)

Überlebenswichtig: Identität verschleiern

Jüdische Rotarmist*innen, die in deutsche Gefangenschaft geraten, haben vor allem im ersten Kriegsjahr kaum eine Überlebenschance – sie werden von den anderen Soldaten getrennt und erschossen. Dawid Dodin kennt diese Befehle zwar nicht, weiß aber, dass seine Herkunft für ihn gefährlich werden kann. Daher gibt er schon bei seiner Verhaftung in Minsk einen falschen Vatersnamen und als Religion „orthodox“ an.
Im Stalag 304 wird auch gezielt nach Juden gesucht. Das übernimmt die Gestapo, die deutsche Geheime Staats-Polizei, mit Unterstützung des Nachrichtendienstoffiziers. Dawid Dodin wird in eine Baracke gerufen und dort von einem Zivilisten befragt. Er gibt an, Belarusse zu sein. Und er hat unwahrscheinliches Glück: Der Gestapo-Beamte spricht seine Muttersprache und hat offenbar Freude daran, sich auf Belarussisch zu unterhalten. Sie reden über das Land und seine Literatur. Dann verlangt der Gestapo-Mann, dass Dawid seine Hose herunterzieht, um zu kontrollieren, ob er beschnitten ist. Dawid erwidert, dass diese Untersuchung ein Arzt machen solle, das sei doch dem Beamten unwürdig. Und der antwortet tatsächlich: „Sie haben recht, Sie können gehen!“, berichtet Dawid später. Ein unwahrscheinliches Glück, denn auch danach verlangt niemand mehr eine körperliche Untersuchung.
Seinem Vorgesetzten, Unteroffizier Konowaltschik, ist klar, dass Dawid Dodin Jude ist. Aber er verrät ihn nicht und sorgt auch dafür, dass niemand anderes es tut. Das ist höchst ungewöhnlich!

Transport eines kranken oder erschöpften sowjetischen Gefangenen auf einer Trage, aufgenommen von einem Wachturm (Zeithain 1941/42) © Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain, Bildarchivnummer 1668

Kriegsgefangenen-Lazarett

Im Dezember 1941 bricht im Lager aufgrund der schlechten Versorgungslage Fleckfieber aus, eine Typhusart, die durch Läuse übertragen wird. Aus Angst vor Ansteckung wird das deutsche Personal aus dem Inneren des Lager abgezogen und die Gefangenen bleiben weitgehend sich selbst überlassen. Erst im März werden die Lagertore wieder geöffnet: Ein Drittel der Gefangenen ist tot.
Dawid Dodin hat die schwere Krankheit überlebt, er arbeitet nun als Sanitäter. Außerdem muss er helfen, die Toten wegzutragen. Sie werden in Massengräbern verscharrt.
Aus dem Kriegsgefangenenlager wird ab 1. Februar 1943 offiziell ein Lazarett für kranke und verletzte sowjetische Kriegsgefangene. Am Bahnhof Jacobsthal, der direkt angrenzend zum Lagergelände liegt, müssen die Neuzugänge abgeholt werden – auch das gehört zu Dawids Aufgaben.
Trotz der hoffnungslosen Situation formiert sich im Frühjahr 1943 unter der Leitung des Schriftstellers Stepan Pawlowitsch Slobin eine Widerstandsgruppe im Lager. Auch Dawid Dodin wird von Slobin angesprochen – seine engen Kontakte zu den Deutschen sind für die Organisation sehr wichtig. Sie organisieren Fluchten, besorgen dafür Proviant und stärken vor allem den Zusammenhalt unter den Gefangenen, denn die Deutschen versuchen, Männer zu rekrutieren, die mit ihnen zusammen gegen die Sowjetunion kämpfen.

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Dawid Dodin über die Widerstandsorganisation im Lager Zeithain

Weil Dawid Dodin Deutsch kann, hat er als Schreiber und Sanitäter viel Kontakt mit dem deutschen Personal des Lagers. Deshalb ist er für die Widerstandsorganisation natürlich ein wichtiger Mann. © Dodin, Dawid. Interview 41093, Teil 3, Visual History Archive, USC Shoah Foundation (1998)

Zwei Schulklassen – aus dem Lösnitzgymnasiums in Radebeul (Juni 2019) und der Schule „Am Märzdorfer Park“ in Riesa (Oktober 2019) – haben sich mit der Geschichte von Dawid Dodin beschäftigt und Fotografien in der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain dazu gemacht…

Kriegsende, Rückkehr und Verhaftung

Im April 1944 fliegen Teile der Widerstandsgruppe auf. 17 Männer werden verhaftet, unter ihnen Dawid Dodin. Er wird ins Stalag IV G in Oschatz gebracht und muss schließlich Zwangsarbeit in einer Schäferei im sächsischen Dorf Canitz leisten. Am 24. April 1945 wird er durch die sowjetischen Truppen befreit.
Einige Monate bleibt er noch in Deutschland und arbeitet als zwangsverpflichteter Zivilarbeiter in der Verwaltung der Roten Armee, er registriert Kriegsgefangene, die zurück in die Heimat geschickt werden sollen. Dann kehrt auch er nach Hause zurück.
Von seiner Familie lebt nur noch eine Tante, die er fortan unterstützt. Alle jüdischen Bewohner seines Dorfes sind im Oktober 1941 von den Deutschen ermordet worden. Dawid Dodin nimmt seine Arbeit als Lehrer wieder auf. Doch nach einigen Monaten wird er verhaftet: Ein Mitglied der Widerstandsorganisation, Iwan Kostrikin, genannt Solowjow und Nachfolger von Slobin, hat ihn als Zeugen angegeben. Die Behörden gehen davon aus, dass Funktionsträger in Kriegsgefangenenlagern häufig mit den Deutschen kooperiert haben. Dawid Dodin ist als Schreiber also verdächtig.

GULAG und Zwangsarbeit

Er wird nach Moskau gebracht und dort von einem Sonderkollegium des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt, die er in Inta in der Autonomen Republik Komi ableistet. Die Gefangenen müssen dort Zwangsarbeit im Steinkohle-Bergwerk leisten.
Nach Stalins Tod wird er 1954 vorzeitig entlassen und zwei Jahre später amnestiert, seine Verurteilung wird zurückgenommen. Dawid Dodin bleibt in Inta, heiratet und arbeitet weiter im Bergwerk. 1977 zieht er nach Leningrad, wo er mit seiner zweiten Ehefrau lebt.

Dawid Dodins Antwort auf die Frage, welche Haft schlimmer war: die im deutschen Stalag oder die im sowjetischen Gulag-Straflager?
„In deutscher Haft lebten wir von der Hoffnung, dass wir bald siegen werden und befreit werden. Im Lager in Komi dagegen lebten wir mit 200 Mann in einer Baracke, die Verpflegung war mager, wir wurden von Wachhunden bewacht und wie Volksfeinde behandelt. Wir wurden zwar nicht geschlagen, aber wir konnten jederzeit in Isolierhaft gesetzt werden, wurden plötzlich nachts durchsucht oder zur Arbeit getrieben. Wir konnten keinen Schritt ohne Bewachung machen. Das war erniedrigend.“

Als Zeitzeuge

Im Jahr 1998 gibt er der von dem Regisseur Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation ein Interview und erzählt seine gesamte Lebensgeschichte. Das Zeitzeugen-Archiv interessiert sich vor allem für ihn, weil er als Jude die Kriegsgefangenschaft überlebt hat.
Fast zehn Jahre später wird er noch einmal nach seinen Erlebnissen gefragt: Diesmal ist es der deutsche Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI, der ihn im Rahmen seiner aus privaten Spenden finanzierten kleinen „Wiedergutmachungsaktion“ anschreibt, zusammen mit der Bitte, doch nach Möglichkeit einen Brief mit seiner Geschichte zurück zu schreiben. Daraus ergibt sich ein Briefwechsel, der in Teilen hier zu lesen ist:

„Einen herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie haben einen ‚einfachen‘ Mann nicht vergessen. Ich freue mich darüber.“

Dawid Dodin am 11. Mai 2005 an den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI

„Meine Gesundheit ist schlecht. Die Augen können kaum etwas sehen. Ich kann schlecht gehen. Ich verbringe die Zeit hauptsächlich zu Hause. Die Wohnung liegt im 5. Geschoss ohne Fahrstuhl.“


Dawid Dodin am 26. Februar 2007 an den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI

Am historischen Ort des Waldlagers von Stalag 352 in Minsk, dem ersten Ort der Gefangenschaft Dawid Dodins, gibt es seit 1964 eine Gedenkanlage, die an die etwa 80.000 Kriegsgefangenen erinnert, die dort während des Zweiten Weltkriegs umgekommen sind. Eine Gruppe von Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz 2019 hat den Ort im Rahmen einer Fortbildung besucht:

Wie wird in St. Petersburg an den Krieg erinnert?

St. Petersburg hieß von 1924 bis 1991 Leningrad. Das ist wichtig zu wissen, denn das einschneidende Ereignis für diese Stadt im Zweiten Weltkrieg ist bis heute unter dem Namen „Leningrader Blockade“ bekannt. Zwischen dem 8. September 1941 und dem 27. Januar 1944 belagerte die deutsche Wehrmacht die Stadt, um die Bewohner auszuhungern. Zwischen 800.000 und 1,1 Millionen Menschen starben. Letztendlich siegte die Rote Armee und Leningrad wurde zum Symbol für den unzerstörbaren Widerstandswillen der Sowjets. Noch während des Krieges wurde ein Museum eröffnet, dass die Geschichte der Belagerung erzählen sollte. Doch bereits 1952 ließ Stalin es wieder schließen – die vielen zivilen Opfer passten nicht in seine „Erzählung“.
1989, in der Umbruchszeit der Sowjetunion, eröffnete ein neues, deutlich kleineres Museum zur Geschichte der Blockade ganz in der Nähe des alten Standorts. Die Ausstellung wurde 2019 überarbeitet. Die Idee, nochmal ein sehr viel größeres Museum zu bauen, wird immer wieder diskutiert, hat sich bisher aber nicht durchgesetzt.


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