Boris Antonowitsch Popov

„In die Schulen bin ich kein einziges Mal eingeladen worden. Sie wussten ja, dass ich in der Gefangenschaft war. Solche wie mich haben sie nie gefragt.“

  • 1922 geboren in Isosimowo (Gebiet Tambow, Russland)

  • 1932 Umzug der Familie nach Ulan-Ude

  • Umzug nach Leningrad

  • 1936 Tod des Vaters und Verhaftung der Mutter, Boris lebt bei seiner Schwester und ihrem Mann

  • 1939 Schulabschluss, Studium am Institut für Filmtechnik

  • 1940 Armeedienst, Ausbildung zum Mechaniker und Panzerfahrer, Einsatz in Krymki bei Bialystok

  • 22. Juni 1941 erste Kriegshandlungen

  • 29. Juni 1941 Befehl zum Rückzug

  • 30. Juni 1941 Popovs Panzer wird zerstört, zwei Kameraden sind tot, die anderen gehen zu Fuß Richtung Minsk

  • 5. Juli 1941 Gefangennahme bei Minsk, 11 Tage im Lager in Drosdy

  • 17. Juli 1941 Überführung ins Lager Masjukowschtschina, Arbeitskommando bei der Post der deutschen Militärverwaltung in Minsk

  • Feb 1942 Überführung ins Lager in Gomel

  • Mai 1942 Transport ins Stalag IV B bei Mühlberg, arbeitet im Gemüsegarten des Lagers

  • 23. April 1945 Befreiung durch die Rote Armee

  • 1945-1946 arbeitet als Fahrer und Dolmetscher im Repatriierungslager in Elsterwerda, dann in Limbach

  • März 1946 Rückkehr nach Leningrad mit dem Flugzeug, Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche, Ausweisung, der er sich widersetzt

  • Sep 1946 Wiederaufnahme des Studiums

  • 1950 Heirat, Studienabschluss und Umzug nach Minsk, Arbeit als Lehrer

  • 1952 Arbeit als Techniker im Komitee für Filmkunst

  • 1964 Leitender Filmtechniker im Filmstudio „Belarusfilm“

  • 1973 Teilnahme am Kongress der UNIATEC in Berlin als Vertreter der UdSSR

  • 1975 Anerkennung als Kriegsteilnehmer

  • 1985 Rentenbeginn

  • Sep 2009 Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns in Deutschland

  • Okt 2012 Rede bei der Eröffnung der Ausstellung „‚Russenlager‘ und Zwangsarbeit“ an der FU Berlin

  • 2017 Lebensgeschichtliches Video-Interview

  • 2020 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 4. März, gestorben am 20. Juni

Lebensstationen

Minsk Krynki Gomel Mühlberg Elsterwerda St. Petersburg * Isosimowo Ulan-Ude

Boris Popov hat schon früh allen Grund, kritisch gegenüber Stalin eingestellt zu sein. Er ist 14 Jahre alt ist, als sein Vater, der Mitglied in der kommunistischen Partei ist, während des „großen Terrors“ als „Volksfeind“ ermordet wird. Und seine Mutter kommt ins Gefängnis. Alleine kann er zu Hause nicht bleiben, daher zieht Boris zu seiner älteren Schwester, die bereits verheiratet ist.
1939 beendet er die Schule, wo er Englisch und Deutsch gelernt hat, und will Zivile Luftfahrt studieren. Aber wegen der Geschichte mit seinem Vater wird er abgelehnt. Er beginnt ein Studium am Institut für Filmtechnik in Leningrad (heute St. Petersburg).

Kriegsbeginn und Gefangenschaft

1940 wird Boris in die Armee einberufen. Er ist acht Monate im 8. Panzerregiment bei Krynki an der sowjetisch-deutschen Grenze stationiert und wird als Panzerfahrer und Mechaniker ausgebildet. Als der Krieg mit dem Deutschen Reich im Sommer 1941 beginnt, hat er sofort „Feindkontakt“: Seine Einheit verschanzt sich in den Wäldern und tarnt die Panzer zum Schutz vor Luftangriffen mit Zweigen. Schon nach wenigen Tagen kommt der Befehl zum Rückzug. Während eines Gefechts wird Boris´Panzer zerstört, zwei seiner Kameraden sterben. Die anderen machen sich zu Fuß auf den Weg zurück Richtung Minsk. Doch die Deutschen sind schon überall. Boris Popov wird gefangen genommen und zuerst ins provisorische Lager Drosdy gebracht. Dort sind kurzzeitig 100.000 Kriegsgefangene und Zivilisten eingesperrt. Es gibt keine Unterkünfte, keine sanitären Anlagen. Einmal am Tag kommt ein LKW und kippt getrockneten Fisch und harte Nudeln auf den Boden. Wasser gibt es nicht, die Gefangenen müssen das schlammige Wasser aus dem nahen Fluss trinken.

Provisorisches Lager bei Minsk, dieses Foto ist vom 5. Juli 1941. © Bundesarchiv, Bild 146-1991-060-36A, Fotograf: Weidner

Nach elf Tagen wird Boris ins Stalag 352 in der Nähe des Dorfes Masjukowschtschina überführt. Hier ist fast zeitgleich auch Dawid Dodin eingesperrt.
Wer politische Kommissare oder Juden bei den Deutschen denunziert, bekommt etwas zu Essen oder eine Zigarette. Jemand meldet auch Boris Popov: Er sei mit einem deutschen Buch gesehen worden und sicher ein Jude! Als sein Name später aufgerufen wird, meldet sich Boris einfach nicht. Und Gott sei dank kommt er damit durch.

Boris wird einem Arbeitskommando zugeteilt, das in der nahe gelegenen Stadt Minsk bei der Poststelle der deutschen Militärverwaltung eingesetzt ist. Seine Aufgabe: Säcke mit Briefen schleppen. Die Männer werden nach der Arbeit, die von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends dauert, nicht zurück ins Stalag gebracht, sondern „wohnen“ an ihrer Arbeitsstätte. Die Post befindet sich in einem ehemaligen Regierungsgebäude, das die Wehrmacht besetzt hat. Das Haus existiert bis heute und wird in Boris Popovs Leben noch einmal eine Rolle spielen. Von Juli 1941 bis Februar 1942 arbeitet er hier, dann wird er in ein Lager in Gomel überführt.
Dort bricht Typhus aus: 40.000 Menschen sterben, weil ihnen niemand hilft. Boris muss mit ansehen, wie die Leichen einfach aufgestapelt liegen gelassen werden. Erst als es wärmer wird, können und müssen die überlebenden Kriegsgefangenen ihre Kameraden in Massengräbern beerdigen…

4:52

Die Gefangennahme bei Minsk und wie es dann weiter ging…

Das Interview ist am 12. Juli 2017 von Dr. Aliaksandr Dalhouski (Geschichtswerkstatt Minsk/ IBB) bei Boris Popov zu Hause geführt worden. Insgesamt dauert es mehrere Stunden.

Im Mai 1942 wird Boris Popov nach Deutschland gebracht. Sein Transport endet im Stalag IV B in Mühlberg, ein internationales Kriegsgefangenenlager. Auch dort halten ihn einige Leute für jüdisch. Er wird 1943 von einem Gestapo-Beamten und einem SS-Mann untersucht. Sie vermuten, dass sich Boris mit einem falschen Namen getarnt hat. Zum Glück ist ein Student aus seiner Hochschule ebenfalls im Lager, der bestätigt, dass Boris Popov sein richtiger Name ist.

Boris weiß, dass Arbeitskommandos gefährlich sind. Er will daher unbedingt im Stalag bleiben. Dafür gibt es nur eine Lösung: Er muss als krank gelten. Ein Dolmetscher hilft ihm. Er trägt in seine Unterlagen ein, dass Boris eine „Behinderung“ habe. Der Dolmetscher, erfährt Boris Popov nach dem Krieg, ist tatsächlich jüdisch und denkt, Popov sei es auch.
Aber auch die Kranken und Kriegsversehrten müssen arbeiten. Boris wird dem Gemüsegarten des Lagers zugeordnet, dort sind noch andere sowjetische und auch französische Soldaten beschäftigt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht so schlimm. Manchmal werden sie als Aushilfen zu Bauern in der Umgebung geschickt. Bei solchen Gelegenheiten macht Boris sogar gute Erfahrungen mit Deutschen. Sein Glück ist, dass er ihre Sprache sprechen kann und dadurch wirkliche Kontakte möglich sind. Einmal wird er sogar einladen und sitzt mit der Familie am Tisch, bekommt Essen und Wein – die Leute sind Gegner von Hitler und schimpfen viel über die deutsche Politik.
Am 23. April 1945 kommt die Rote Armee nach Mühlberg – die Kriegsgefangenen sind frei!

Boris Popov (links, stehend) mit Offizieren der Militärkommandantur (1946). © Privatarchiv Boris Popov

Boris schreibt als erstes einen Brief an seine Mutter. Nach den Bestimmungen der Genfer Konventionen hätte er dazu schon während der Kriegsgefangenschaft ein Recht gehabt, doch die Deutschen gewährten den sowjetischen Gefangenen keinen Postverkehr. Boris weiß nicht, ob sie noch lebt, schließlich war Leningrad von September 1941 bis Januar 1944 durch die Wehrmacht von der Außenwelt abgeschnitten: Sie wollten die ganze Stadt verhungern lassen und ließen niemanden rein oder raus. Zwischen 800.000 und 1 Millionen Einwohner starben bei der sogenannten „Leningrader Blockade“.
Seine Mutter hat überlebt und ist froh über das erste Lebenszeichen ihres Sohnes nach vier Jahren! Boris kann nicht sofort nach Hause fahren. Die Armee nimmt ihn gleich wieder in den Dienst, und er arbeitet als Fahrer und Dolmetscher im Repatriierungslager in Elsterwerda. Dort werden die sowjetischen Kriegsgefangenen für die Rückkehr gesammelt. Später wird er zur Militärkommandantur in Limbach versetzt.

Im März 1946 fliegt Boris Popov mit dem Flugzeug nach Leningrad. Wiedersehen mit der Mutter! Doch die Probleme, die ehemaligen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gemacht werden, beginnen sofort: Bei der polizeilichen Anmeldung wird er aufgefordert, Leningrad innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Boris weigert sich und bleibt. Er versucht, so schnell wie möglich Arbeit zu finden, aber ohne die offizielle Anmeldung stellt ihn zunächst niemand ein. Im September kann er sein Studium wieder aufnehmen, das er 1950 abschließt – vielleicht, weil der parteilose Dekan das so angeordnet hat?, spekuliert Boris in seinem Zeitzeugeninterview 2017. Boris Popov heiratet, und er und seine Frau ziehen nach Minsk, wo sie als Lehrkräfte arbeiten können.

schwarz-weiß Porträt
Boris Popov im zweiten Studienjahr am Institut für Kinoingenieure in Leningrad (1947) © Privatarchiv Boris Popov

Ab 1952 arbeitet Boris Popov als Filmtechniker beim Komitee für Filmkunst – im selben Gebäude, in dem er Jahre zuvor Zwangsarbeit für die Deutschen leisten musste! Er macht Karriere und wird Leitender Filmtechniker des Filmstudios Belarusfilm. In dieser Eigenschaft kehrt er 1973 nach Deutschland zurück: Er besucht in Berlin einen Fachkongress für Filmtechnik. 1978 reist er nach Köln zur Messe „Photokina“. Auf die Frage eines Berliner Schülers, wie er die Nachkriegsentwicklung Deutschlands beurteilt, antwortet Boris Popov im Mai 2013: „Bei meinem ersten Besuch in Berlin 1973 war ich sehr verwundert darüber, dass das Lebensniveau im zerschlagenen Deutschland wesentlich höher als im Siegerland war.“ Die Auswirkungen der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme kann in dieser Zeit kaum ein „Normalbürger“ in eigener Anschauung beobachten. Boris Popov macht Stalin und seine Gefolgsleute für die schlechte Organisation in der Sowjetunion verantwortlich.

Keine Zuhörer

1975 stellt Boris Popov einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsteilnehmer. Die bekommen in einigen Lebensbereichen – wie beim Öffentlichen Nahverkehr – Vergünstigungen. Die Papiere, die man dazu vorzeigen muss, sind schwer zu beschaffen, aber ihm gelingt es schließlich. Er erhält seine Anerkennung. Als er zehn Jahre später in Rente geht, muss er allerdings feststellen, dass die Kriegsgefangenschaft dazu führt, dass er keine erhöhte Rentenzahlung erhält. Und berechtigt, sich von Deutschland für die geleistete Zwangsarbeit entschädigen zu lassen, ist er auch nicht.

Boris Popov fühlt sich ungerecht behandelt und ist wütend: Dass er in Kriegsgefangenschaft geraten ist, ist nicht seine Schuld, sondern die der damaligen Staats- und Militärführung! Die Armee war auf den Angriff nicht vorbereitet gewesen, die erfahrenen Offiziere waren alle während der „Säuberungen“ von Stalin ermordet worden. Die Rotarmist*innen wurden nicht richtig ausgestattet, und die Gesetzgebung war unmenschlich – davon ist er überzeugt. Zudem beobachtet er, wie in der Sowjetunion an diesen „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnert wird: als wären sie alle nur Sieger über den Faschismus gewesen! Niemand fragt ihn nach seiner Geschichte, obwohl er ein anerkannter Kriegsteilnehmer ist.

2:32

Über die Kriegsgefangenschaft sprechen

In den letzten Jahren tritt Boris Popov als Zeitzeuge in Deutschland und Belarus vor Schüler*innen auf – das war nicht immer so. Interview vom 12. Juli 2017, geführt von Dr. Aliaksandr Dalhouski (Geschichtswerkstatt Minsk/ IBB)

Der deutsche Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI schreibt 2007 auch an Boris Popov. Er erhält 300 Euro als symbolische „Entschädigung“ aus privaten Spenden, eine Bitte um Entschuldigung für das erlittene Unrecht und wird gebeten, seine Geschichte in einem Brief zu erzählen. Daraus entsteht ein Austausch, der dazu führt, dass Boris Popov noch mehrfach nach Deutschland reist und dort als Zeitzeuge auftritt: So hält er 2009 in Berlin eine Rede zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, besucht Schulen und eröffnet die Ausstellung „‚Russenlager‘ und Zwangsarbeit“ der Freien Universität Berlin. Und auch in Belarus ist er jetzt aktiv: 2017 gibt er Dr. Aliaksandr Daliousky ein ausführliches lebensgeschichtliches Interview, bestreitet verschiedene Veranstaltungen mit Schüler*innen und Erwachsenen und erhält am 4. März 2020 in Minsk das deutsche Bundesverdienstkreuz.

Boris Popov stirbt im Juni 2020 in Minsk.

Es ergibt sich zwingend die Frage: Wäre es nicht für die Menschheit Zeit, Kriege grundsätzlich abzulehnen und auf Verhältnisse gegenseitiger Achtung überzugehen, bei denen alle auch noch so komplizierten Fragen friedlich gelöst werden?

Boris Popov 2013 in einer Berliner Schule auf die Frage, was er fühlt, wenn er an die Gefangenschaft denkt

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